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„Das Produkt muss einen wertigen Eindruck machen“ — von Anforderungs-Esoterik Teil 4

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Den ersten Teil dieser Serie finden Sie hier, den zweiten hier und den dritten hier.

Pattern 7: „Mit langen Stangen im Nebel rühren“

Geschwurbelte Nebel-Anforderungen sind eigentlich die schönsten. Ich habe schon viele davon erlebt. Hier ein paar Beispiele:

„Der Komfort, mit dem Gerät zu arbeiten, soll vergleichbar sein mit einem Mobiltelefon.“

Oder auch

„Die Farbe des Produkts soll so beschaffen sein, dass der übliche Käufer damit zufrieden ist.“

Oder

„Die Reaktionszeit des Systems soll so schnell sein, dass der Benutzer nicht genervt ist.“

Oder schlussendlich auch der Name dieser Serie:

„Das Produkt muss einen wertigen Eindruck machen.“

Anforderungen wie diese lesen sich zunächst einmal recht flüssig. Wenn man nicht darauf achtet, liest man über sie auch schon einmal hinweg, weil sie eigentlich auf den ersten Blick schlüssig und klar erscheinen.

Erst auf den zweiten Blick haben diese Anforderungen ihre Probleme:

  • Ist Ihnen bspw. im ersten Requirement aufgefallen, dass Komfort nicht mit Komfort verglichen wird, sondern Komfort mit Mobiltelefon? Also Äpfel und Birnen?
  • Könnten Sie aus dem Stand die SI-Einheit benennen, in der man gängigerweise Komfort misst?
  • Haben Sie gemerkt, dass da nicht von „gleich“, sondern von „vergleichbar“ die Rede ist? Also wenn man Komfort in Einheiten messen könnte, würde das ausreichen — von „gleich komfortabel“ ist da nicht die Rede.
  • Haben Sie sich schon überlegt, mit welchem Mobiltelefon verglichen werden soll?

In der zweiten Anforderung oben wird die „Zufriedenheit des Käufers“ erwartet. Es bleibt unklar, wann der Käufer zufrieden ist und wer er überhaupt ist.

Probleme derselben Kategorie hat auch das dritte und vierte o.g. Requirement.

Allen Beispielen ist gemeinsam, dass ihre Erfülltheit nicht gemessen werden kann. Und das ist eine absolut notwendige Bedingung für Anforderungen:

Ist die Erfülltheit einer Anforderung nicht messbar, kann niemand sagen, ob das Produkt tut, was es soll.

Eine Anforderung muss entweder so geschrieben sein, dass sie direkt messbar ist — oder es ist notwendig, zu ihr ein Akzeptanzkriterium anzugeben. Das kann schon mal schwierig sein, gerade wenn es nicht um wissenschaftlich messbare Phänomene geht (Komfort, Zufriedenheit, Nerverei, Wertigkeit).

In den o.g. Fällen lässt sich das beabsichtigte z.B. durch eine Befragung von potentiellen Anwendern oder Käufern erreichen.

Ein Akzeptanzkriterium könnte dann etwa wie folgt lauten:

„Die Anforderung gilt als erfüllt, wenn von 50 befragten Käufern des Vorgängerprodukts mindestens 40 angeben, mit der Farbe zufrieden zu sein.“

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